Sarah Seelenfänger Band 1 – Schattenherbst
Mit einem zarten Knacken brach Timmys Genick. Das Kaninchen zuckte kurz, dann lag es still. Sarah legte das Tier behutsam ins nasse Laub. Gespannt beugte sie sich vor. Eine Strähne ihres langen, schwarzen Haares strich über Timmys tote Augen. Sein feuchtes Fell roch nach Streu, altem Heu und einer Spur Urin. Das Mädchen wartete. Es wartete darauf, dass Timmy seinen Zauber entfaltete. Da. Ein kurzes Flackern. Sarah hielt den Atem an. Ein blauer Schimmer überzog das Tier. Er verdichtete sich zu einem Leuchten, das in den folgenden Minuten an Stärke gewann. Der Geist löste sich vom Körper. „Hey du“, flüsterte Sarah. Zärtlich streckte sie die Hand aus. Es prickelte, als sie den milchig-trüben Dunst berührte, dessen Form grob an ein Kaninchen erinnerte. Das Wesen bemerkte sie nicht. Es hob den Kopf, schnupperte unschlüssig und hoppelte suchend durch die Luft. Kurz darauf löste es sich auf wie Nebel in der Sonne. „Bleib da!“, rief das Mädchen. Es versuchte vergeblich, den geheimnisvollen Hauch festzuhalten. Einen Augenblick später war nichts mehr von ihm übrig. Sarah kraulte das noch warme Kaninchen und seufzte tief. Ihre Eltern kehrten heute aus dem Urlaub zurück. Bis dahin musste Timmys leblose Hülle verschwunden sein. Unter der Buchenhecke hatte sie eine schlichte Grube ausgehoben. Feierlich legte sie das Tier hinein. Zuletzt warf sie das Grab zu und bedeckte es mit feuchtem Laub. Das Mädchen verharrte noch einen andächtigen Augenblick. Dann stand es auf, klopfte sich die Blätter von der Jeans und verschwand im Haus. Natürlich flog Sarah auf. Genauso, wie später mit dem Schäferhund der Nachbarn und anderen Tieren. Aber sie konnte nicht widerstehen. Die Versuchung war einfach zu groß. Es folgten etliche Sitzungen bei Psychologen, Psychiatern und anderen Nervenärzten. Mit fünfzehn Jahren landete das Mädchen schließlich in einer Klinik in Hamburg-Harburg. Sarah betrat das Patientenzimmer. Sie stellte ihre Reisetasche auf den Boden. Der Raum wirkte großzügig. Er bot genug Platz für zwei Betten, einen Schrank und eine Sitzecke mit Sesseln. Es roch ein wenig muffig. Durch das Fenster drangen gedämpft die Geräusche der Straße herein. Sie teilte sich ihr Zimmer mit einer etwa gleichaltrigen Patientin. Das andere Mädchen saß mit angezogenen Beinen auf dem Bett und starrte die Wand an. Es erwiderte Sarahs Gruß nicht und blieb regungslos, als sie ihre Tasche ausräumte und sich einrichtete. Sarah musterte verstohlen ihre Mitpatientin. Sie sahen sich ähnlich. Das Mädchen war eine Handbreit größer als sie selbst mit ihren ein Meter sechzig. Es war schlank, nicht ganz so mager wie Sarah. Beide hatten sie pechschwarzes Haar. Die Patientin versteckte das blasse Gesicht hinter einer welligen, zerzausten Mähne. Sarah hätte viel für solche Locken gegeben. Wenn sie ihre eigenen Haare nicht wusch, hingen sie schlapp und kraftlos herab, wie verkochte Spaghetti. Sie beugte sich vor und erhaschte einen Blick auf dunkle Augen und eine schmale Nase. Das Mädchen hatte die Lippen zusammengepresst. In ihrer verschlissenen Jeans und dem abgewetzten, grünen Tank-Shirt sah es verlottert aus. Sarah rutschte unauffällig näher. Sie schnupperte. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie hatte miefige Socken und alten Schweiß erwartet. Stattdessen roch ihr Gegenüber angenehm. Ihr Duft erinnerte sie entfernt an Vanille. Das Mädchen starrte weiter unbewegt aus dem Fenster. Es hatte sich von der Welt zurückgezogen. Irgendetwas Schlimmes war mit ihren Eltern geschehen. Einer der Ärzte hatte das erwähnt. Sarah legte sich auf ihr Bett und schloss die Augen. In einem kargen Büro der Klinik tobte Prof. Dr. Neuhaus. „Das können Sie nicht machen!“, schrie er einen blonden Mann in dunklem Anzug an. „Mir ist egal, ob Sie Beziehungen zum Gesundheitsministerium haben! Wir dürfen Sarah Kötter nicht in dem Zimmer lassen. Ihre Mitpatientin hat die eigenen Eltern getötet! Die gehört in die geschlossene Psychiatrie und nicht in unsere offene Anstalt. Sie wird sich umbringen! Oder jemand anderen!“ Der Mann im Anzug betrachtete sein Gegenüber aus blassblauen Augen. Die dünnen Lippen verzogen sich zu einem humorlosen Lächeln. Er nutzte die Pause, die der Psychiater brauchte, um Luft zu holen. „Und sie hatte allen Grund dazu.“ „Grund wozu?“, fragte Professor Neuhaus, kurz aus der Balance gebracht. „Ihre Eltern umzubringen, nach allem, was die ihr angetan haben. Glauben sie mir, Sie wollen die Details nicht wissen.“ „Aber warum zu uns?“, fragte der Arzt und rang die Hände. „Sie kennen unser Krankenhaus doch gar nicht. Wir haben nicht das Personal für so einen Fall.“ Der Mann schaute sein Gegenüber eindringlich an. „Lassen Sie Sarah Kötter auf jeden Fall weiter mit ihr das Zimmer teilen. Sie sollen sich kennen lernen. Ich übernehme die Therapie und die Verantwortung für beide Patientinnen.“ Damit war das Gespräch beendet. Der rote Backsteinbau, ein umgebauter alter Speicher, lag direkt am Hafen. Von außen sah die Klinik einladend aus. In ihrem Inneren strahlte sie den gleichen sterilen Charme aus wie die meisten Krankenhäuser in Deutschland. Personal huschte durch lange, von Neonlicht beleuchtete Flure. Hin und wieder erspähte Sarah einen Arzt in weißem Kittel. Es roch keimfrei, nach einer Mischung aus Reinigungsmitteln und Zahnarzt. In der Kinderabteilung hatte jemand mit ein paar bunten Bildern den verzweifelten Versuch unternommen, die kühle Atmosphäre aufzuheitern. Die Schwestern und Pfleger waren nett, ohne allzu großes Interesse an der Neuen zu zeigen. Die verständnisvolle Art der Ärzte hasste Sarah jetzt schon. Ihr war nur Recht, dass die heilige Inquisition der Psychiater sie erst am nächsten Tag heimsuchen würde. Mit ihren fünfzehn Jahren war Sarah ein Fall für die Jugendpsychiatrie. In der Abteilung strandeten hauptsächlich Heranwachsende, die in pubertären Gefühlswogen gekentert waren. Daneben gab es seelisch überladene Patienten mit Ritzwunden an den Armen und essgestörte Teenager. Sarah verbrachte den Großteil des Tages auf ihrem Zimmer. Immer wieder beobachtete sie verstohlen ihre Mitbewohnerin. Äußerlich schien ihr nichts zu fehlen. Innerlich zerriss sie. Sarah wunderte sich über die Deutlichkeit, mit der sie die Gefühle des Mädchens wahrnahm. Sie spürte seine Todessehnsucht fast körperlich. Selbsthass, Wut und Scham verschlangen den Hunger nach Leben. Am Abend steigerte sich der Schmerz ins Unerträgliche. Eine Pflegerin kam herein, verabreichte dem willenlosen Mädchen ein paar Brocken Essen und begleitete es zum Waschen. Anschließend saß es auf dem Bett und nestelte abwesend mit den Fingern an der Decke herum. Etwas hatte sich geändert. Das Mädchen hatte einen Entschluss gefasst. Sarah faszinierte die Entwicklung. Sie wollte um jeden Preis wach bleiben, wollte sehen, was geschehen würde. Irgendwann fielen ihr in der Dunkelheit des Zimmers die Augen zu. Sie sank in einen unruhigen Schlaf. Mitten in der Nacht schrak sie auf. Ein Rascheln hatte sie geweckt. Es war das Mädchen neben ihr, das sich leise im Bett aufrichtete. Nach einem kurzen Moment schwang es die Beine über den Bettrand und stand auf. In der Finsternis flüsterte Sarah: „Darf ich zusehen?“ Das Mädchen erstarrte. Nach einer scheinbaren Ewigkeit nickte es. Sarah griff in der Dunkelheit ihren Pullover, zog ihn über den Schlafanzug und folgte dem Mädchen. Wie ein Geist verschwand es in seinem weißen Nachthemd im Badezimmer. Die beiden brauchten kein Licht einzuschalten. Der Mond leuchtete durch das Oberlicht des gekachelten Raumes und tauchte die milchige Tür der Duschkabine in bleiches Weiß. Das Mädchen kauerte sich mit dem Rücken gegen die nackten Fliesen und zog die Beine eng an sich. Sarah hockte sich an die gegenüberliegende Wand. Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Dann zog das Mädchen etwas unter dem Nachthemd hervor: eine schlichte Pappschachtel. Es öffnete sie andächtig. Kaltes Mondlicht brach sich an der schillernden Schneide einer Scherbe. Sarah spürte, wie ein Kampf in dem Mädchen aufflammte. Todessehnsucht und Überlebenswille rangen miteinander. Keine der beiden Kräfte gewann die Oberhand. Nach einer Weile durchbrach eine traurige Stimme die Stille: „Warum?“ Das Mädchen klang ein wenig heiser durch das lange Schweigen. „Warum was?“, fragte Sarah nach kurzem Zögern. „Warum willst du dabei zusehen?“ „Weil der Tod so unendlich schön ist“, antwortete Sarah prompt. „Wieso schön? Er erlöst. Die Bilder hören endlich auf!“ Die Stimme des Mädchens brach. „Diese entsetzlichen Bilder!“ Es presste die Hand auf den Mund und schluchzte. Sein ganzer Körper bebte. Sarah schob sich näher heran und berührte versuchsweise den zitternden Arm. Als das Mädchen nicht zurückzuckte, begann sie zu reden: „Davon weiß ich nichts. Was ich weiß ist, wie schön der Tod ist.“ Sie stockte kurz. „Ich kann den Tod spüren, seit ich denken kann“, fuhr sie sanft fort. „Es ist so eine Art Gabe. Oder ein Fluch, je nachdem, wie man es betrachtet. Ich spüre das Leben erst so richtig, wenn es verschwindet. Das ist irgendwie traurig, weil ich mit anderen Menschen wenig anfangen kann. Dafür ist es für mich zum Sterben schön, beim Ende dabei zu sein. Wenn du nur einmal erleben könntest, wie wundervoll es ist, wenn das Leben den Körper verlässt. Wie sich der Geist löst. Wie frei er ist, bevor er verschwindet.“ Die Stimme des Mädchens klang unsicher. „Ich habe schon einmal erlebt, wie das Leben den Körper verlässt. Es war schrecklich.“ Nach einer kurzen Pause fuhr es fort. „Meine Eltern hatten wieder diesen fetten, alten Kerl eingeladen. Er war so widerlich! Sein Atem stank faulig und sein, sein...“ Sarah wartete geduldig, bis das Mädchen weitererzählte. „Er hat wohl sehr viel Geld für mich bezahlt. Meine Eltern haben mir gesagt, ich sei es ihnen schuldig, nach allem, was sie für mich getan haben. Aber der Kerl war so abartig. Andere waren nicht so schlimm“, fuhr sie fort. Sie hob den Kopf und sah Sarah an. „Manche waren sogar ganz nett. Sie haben mir zumindest nicht so weh getan.“ Das Mädchen starrte in die Dunkelheit. „An dem Abend war es ganz besonders abscheulich. Ich habe mich so geekelt, ich musste mich übergeben. Da hat er gelacht. Er hat laut gelacht. Und weitergemacht.“ Das Mädchen wimmerte. Es hielt seine Beine umschlungen, wippte vor und zurück. Sarah nahm es behutsam in den Arm. Das Schaukeln und Beben ebbte ab. Schließlich erzählte es weiter: „Es war mitten in der Nacht, als er endlich weg ist. Ich weiß gar nicht, wie ich da hingekommen bin, aber plötzlich stand ich mit einem Küchenmesser im Schlafzimmer meiner Eltern. Ich hab meinem Vater einfach quer über den Hals geschnitten. Er hat sich die Kehle zugehalten. Blut ist zwischen seinen Händen vorgespritzt. Meine Mutter wurde wach und ich hab ihr in die Brust gestochen. Beide haben so eklige Geräusche gemacht. Überall war Blut. Es ist einfach aus ihnen rausgeflossen. Da bin ich nach unten gerannt. Ich hatte wahnsinnige Angst vor der Bestrafung. Ich wollte einfach nicht wieder in dem Loch im Keller eingesperrt werden, verstehst du?“ Sie blickte zu Sarah auf. „Das tut so weh, wenn man nicht richtig sitzen oder stehen oder liegen kann und es wird furchtbar kalt.“ Das Mädchen schaute auf den Boden zu ihren Füßen. „Ich habe mich nicht mehr hoch getraut, sondern einfach die Streichhölzer und Spiritus aus der Garage geholt und alles angezündet.“ Sarah wartete eine Weile. Als das Mädchen stumm blieb, nahm sie dessen Hand und streichelte sie zärtlich. „Ich wäre gerne dabei gewesen“, seufzte sie. Mit entsetzter Miene blickte das Mädchen auf. Sarah fuhr fort: „Ich weiß, dass du mich für verrückt hältst. Alle tun das. Ich wünschte nur, du hättest deine Eltern mit meinen Augen gesehen; das Leuchten, als das Leben ihre Körper verlassen hat. Es hat keine wirkliche Farbe, weißt du, aber es fühlt sich irgendwie bläulich an. Am Anfang ist es ganz deutlich. Manchmal ist es so dicht, dass ich glaube, ich könnte es in die Hand nehmen, aber ich greife immer durch. Leider lässt es schnell nach und irgendwann ist es weg.“ Das Mädchen nahm Sarahs Schilderung hin, ohne sie infrage zu stellen. Es räusperte sich und schluckte hart. Kaum hörbar fragte es: „Dann hältst du mich nicht für ein Monster?“ „Nein“, erwiderte Sarah. „Ich habe meine Eltern getötet“, murmelte das Mädchen. „Wie soll ich jemals damit leben? Wie soll ich all die grauenhaften Bilder aus dem Kopf bekommen?“ Verloren blickte es auf die Scherbe, die es für einen Moment vergessen hatte. „Ich kann so nicht weiterleben“, stellte es fest. Sarah dachte kurz nach. Ruckartig sah sie auf. „Bewahre den ganzen Mist mitten im Herzen auf“, sagte sie fest. „Mach Wut draus. Lerne, deine Eltern zu hassen, für das, was sie dir angetan haben. Die Wut macht dich stark. Und wenn du stark genug bist, muss dir so etwas nie wieder passieren. Und wenn es doch passiert“, überlegte Sarah, „dann hast du noch mehr Wut und noch mehr Hass.“ Erschrocken blickte das Mädchen Sarah an. „Aber...“, setzte es an. „Kein Aber!“, fiel Sarah ihr ins Wort und sprang auf. „Entweder du nimmst die Bilder und schmiedest eine Höllenwut daraus, oder du bringst dich hier und jetzt um. Es ist deine einzige Chance!“ „Ich… ich kann nicht“, stotterte das Mädchen. „Dann stirb. Tu’s. Bring dich um.“ Ungläubig schaute das Mädchen zu Sarah auf. „Ich kann nicht“, wiederholte es und senkte den Kopf. „Und ob du kannst. Du hast dich jahrelang misshandeln lassen, ohne dich zu wehren! Du hast einfach alles mit dir machen lassen. Feigling!“ Das Mädchen erstarrte. Zorn funkelte in ihren Augen. „Du hast ja keine Ahnung, wie es war...“ „Dich im Selbstmitleid zu baden hilft dir auch nicht! Los, fang an, gegen deine Eltern anzukämpfen! Oder nimm die verdammte Scherbe und bring dich um!“ „Was weißt du denn schon, du blöde Schlampe!“, brüllte das Mädchen plötzlich. „Was weißt du denn schon, wie es ist, solche Eltern zu haben!“ „Und du hast nicht einmal den Arsch in der Hose, diese Eltern zu hassen! Diese abscheulichen Eltern, die dich gefoltert und gequält haben. Diese Eltern, die sich an deinem Leid sattgeglotzt haben. Diese Eltern, die dich an den Abschaum der Menschheit verschachert haben, als ihnen selber nichts mehr eingefallen ist. Diese Eltern verteidigst du immer noch. Du wagst es nicht, dich gegen sie zu stellen, du Waschlappen. Hasse sie, du dumme Kuh. Hasse sie um dein Leben!“ Eine Zeit lang saß das Mädchen stumm und zitternd in der Ecke. Dann nahm sie die Hand, die Sarah ihr entgegen gestreckt hatte, zog sich daran hoch, nutzte den Schwung und schlug mit der Faust gegen die Duschtür. Das Plastik splitterte. Sie stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus. Am Ende waren vier kräftige Pfleger nötig, um das schreiende, sich windende und um sich schlagende Mädchen zu bändigen. Am nächsten Morgen erwachte Sarah von der Sonne, die in ihr Gesicht schien. Geblendet blickte sie zur Seite. In dem Bett gegenüber lag das Mädchen. Es sah friedlich aus, so als sei in der vergangenen Nacht nichts geschehen. Plötzlich schlug es die Augen auf, schaute zu Sarah, lächelte und sagte: „Ich bin Sophie.“ Der neue Therapeut saß an einem schlichten, weißen Tisch. Der Raum lag im Untergeschoss der Klinik. Durch ein schmales Fenster nahe der Zimmerdecke sah Sarah einen Fetzen Himmel. Graue Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben. An der Wand stand eine Liege, daneben ein Nachttisch mit einer Flasche Wasser und einem Glas darauf. „Nimm bitte Platz“, sagte der Arzt und deutete auf einen Stuhl ihm gegenüber. Er trug einen dunklen Anzug unter dem weißen Kittel. Blassblaue Augen lächelten sie aus einem sonnengebräunten Gesicht an. Seine kurzen, blonden Locken und das sorgfältig rasierte Kinn wirkten knabenhaft. Falten um den Mund und auf der Stirn störten den jugendlichen Eindruck. Sarah schätzte ihn auf Ende dreißig. „Ich bin Stefan“, begrüßte sie der Mann mit ruhiger Stimme. Sein Händedruck war eine Spur zu fest. „Sarah“, murmelte das Mädchen. „Ich bin für die nächste Zeit dein Therapeut“, erklärte er. „Obwohl Therapeut es nicht ganz trifft. Ich will gar nicht lange drumherum reden, Sarah, sondern lieber dein Interesse mit einem kleinen Kunststück wecken.“ Mit einer fließenden Bewegung beugte er sich herunter zu einer Aktentasche. Sarah verdrehte die Augen. Ein kleines Kunststück. Sind wir hier im Zirkus?, dachte sie. Der Arzt holte eine Art Einmachglas aus der Tasche. Es war mit einem Metalldeckel verschlossen, in den ein Gitter eingelassen war. In dem Gefäß saß eine weiße Laborratte, noch ganz jung. Sarah musterte den Mann. Was kam jetzt? Der Wert des Lebens und so weiter? Das hatte sie ein Dutzend Mal gehört. Als Nächstes wird er: Schau mal, wie niedlich! Oder etwas anderes Dummes sagen, ging es ihr durch den Kopf. Missbilligend lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. Doch ihr Therapeut sagte gar nichts. Er zog ein braunes Fläschchen ohne Aufschrift aus der Tasche und stellte es neben das Glas mit der Ratte. Bedächtig drehte er den Gitterdeckel ab, öffnete die Flasche und gab einige Tropfen einer farblosen Substanz in das Gefäß, das er nun mit einem Glasdeckel luftdicht verschloss. Das Jungtier wurde plötzlich unruhig, versuchte hektisch mit den Pfötchen die glatte Glaswand hinaufzuklettern. Sarah beugte sich vor. Die Bewegungen des Tieres wurden schwächer, hörten schließlich auf. „Halothan“, sagte Stefan. „In geringen Dosen ein Narkosegas, in höheren tödlich.“ Es dauerte ein, zwei Minuten, dann spürte Sarah, wie das kleine Leben den Körper verließ. Das Mädchen starrte gebannt auf die Ratte. Ihr Geist löste sich rasch auf. „Du spürst es auch, nicht wahr?“, fragte Stefan, der sie genau beobachtete. „Der Leichnam spricht zu dir, er ruft dich“, stellte der Arzt fest. „Ich will dir etwas zeigen.“ Er nahm die Ratte aus dem Glas und legte sie zwischen Sarah und sich auf den Tisch. Stefan streckte die Hand aus. Sarah hielt den Atem an, ohne es zu bemerken. Die feingliedrige Männerhand strich sanft über das weiße Fell und kraulte die tote Ratte hinter den Ohren. Im nächsten Moment zog ein Kribbeln Sarahs Rückgrat hinauf. Dunkelblaue, ölige Fäden lösten sich von den Fingern des Mannes. Sie tasteten nach der Ratte, ihren Nacken entlang zum Kopf. Stück für Stück umschlossen sie den ganzen Körper. Sarah zuckte zusammen, als die Ratte den Kopf hob. Sie war definitiv tot, aber nun erfüllte sie fremdes Leben. Stefan hob die Hand ein wenig. Dunkle Energie verband seine Fingerspitzen mit der Ratte. Wie eine Marionette an ihren Fäden stellte er das Tier auf die Pfoten und ließ es ein paar Schritte laufen. Abrupt ballte er die Hand zur Faust und schnitt damit die Kraft ab. Die Ratte lag wieder reglos auf dem Tisch. Sarah schaute in Stefans funkelnde Augen. „Willst du es lernen?“, fragte er lächelnd. Sarah hatte sich gerade hingelegt, als Sophie wenig später von einer Therapiesitzung zurückkehrte und sich wortlos auf ihr Bett setzte. Vom Kampfgeist des vorherigen Abends war nichts mehr zu spüren. „Hallo“, durchbrach Sarah die drückende Stille. Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte Sophie ein tonloses „Hallo“ heraus. „Wie war es bei dir?“, fragte Sarah vorsichtig. „Gut.“ Sophies Stimme war kaum hörbar. Sarah stand auf und setzte sich zu ihr. „Was stellen die mit dir an?“ „Gesprächstherapie. Sie meinen, ich mache Fortschritte.“ „Warum siehst du dann so furchtbar aus? Gestern hast du geglüht, heute bist du ein Haufen Asche.“ „Aggression ist nicht gut für mich, meint Frau Dr. Kieselkamp. Stattdessen gehen wir Stück für Stück meine Vergangenheit durch.“ „Das ist ja grässlich!“, platzte es aus Sarah heraus. „Sollst du all die Tode noch einmal sterben?“ „Ich muss alles aufarbeiten. Angefangen von dem Zeitpunkt, an dem mein Vater mich das erste Mal...“ Sophie brach ab. „Dabei erinnere ich mich daran gar nicht. Ich war noch viel zu klein.“ „Und das soll dich heilen?“ Sarah sprang wütend auf. „Ja, sind die denn vollkommen bescheuert?! Was geschehen ist, ist geschehen! Deine Vergangenheit wirst du nicht los.“ Sophie schaute zu Sarah auf. „Meinst du, ich werde nie wieder normal?“ „Was ist schon normal? Aber die Bilder wirst du in sechs Leben nicht mehr los.“ „Und woher willst du das wissen?“, brauste Sophie plötzlich auf. Ein Funke aus der Glut des Vorabends war zurückgekehrt. „Da sind jede Menge Ärzte, die studiert haben und meinen, sie kriegen mich zurechtgebogen. Dass alles wieder gut wird!“ „Ach, und was sind deine tollen Ärzte für Menschen? Muttersöhnchen und Papas Lieblinge!“, schimpfte Sarah. „Aufgewachsen so behütet und gepampert, wie du es dir nur vorstellen kannst. Und die wollen dir erzählen, wie du wieder heil wirst? Du bist kaputt! Und du brauchst etwas, um die Risse zu kitten. Ein bisschen Klarlack über die Scherben reicht da nicht!“ Sophie sprang nun ebenfalls auf die Füße. Die beiden Mädchen standen sich mit hochroten Köpfen gegenüber. „Und woher willst gerade du wissen, was gut für mich ist? Du dämliche, nekrophile Schlampe!“, brüllte Sophie. Sarahs Zorn war mit einem Mal verflogen. „Weil ich es in dir gesehen habe“, antwortete sie ruhig. „Gestern im Badezimmer, als du dir die Pulsadern aufschneiden wolltest. Die Scherben, aus denen dein Ich besteht, lagen wie ein Puzzle vor mir. Es sah ganz einfach aus und mir war klar, wie du wieder heile wirst.“ Sophie sah sie entgeistert an. Auch ihre Wut war verraucht. „Und was soll ich jetzt machen?“, fragte sie schließlich. „Das, was ich dir gesagt habe. Nimm die Bilder. Schmiede Zorn daraus. Überlebe. Das Vergangene nur heraufzubeschwören und dir den Hass zu verbieten ist dein Tod.“ Sophie setzte sich auf ihr Bett. „Danke“, sagte sie schließlich. „Ich habe mich selten so lebendig gefühlt wie gerade, als wir gestritten haben. Ich hätte dich am liebsten in Stücke gerissen.“ Sie lächelte. „Es hat sich gut angefühlt.“ Sarah nickte. „Das ist dein Weg.“ „Und Entschuldigung“, fuhr Sophie fort. „Ich hab dich eine blöde Schlampe genannt.“ „Nur so fürs Protokoll: Du hast dämliche, nekrophile Schlampe gesagt“, erwiderte Sarah mit hochgezogener Augenbraue. „Das nekrophil hab ich mal irgendwo aufgeschnappt. Gut, gell?“, meinte Sophie grinsend. Die Mädchen sahen sich an und prusteten los. Sie kicherten, wie zwei ganz normale Teenager. Und beiden tat es unglaublich gut. „Wie war es bei dir?“, wollte Sophie wissen, als sie sich wieder beruhigt hatten. „Was haben sie angestellt, damit du die Geister endlich in Ruhe lässt?“ Sarah wurde schlagartig ernst. „Das glaubst du mir nie. Ich musste hoch und heilig versprechen, mit niemandem darüber zu reden. Weil du es mir aber eh nicht abkaufst, kann ich es dir ruhig erzählen, schätze ich.“ Sie betrachtete ihre Hände und dachte an ölige Fäden. „Mein Arzt will mir beibringen, wie man jemanden zurück aus dem Grab holt.“ Sophie sah sie abschätzend an. „Okay, ich denke, du nimmst mich hier übel auf den Arm, aber red weiter.“ „Also, da war dieser Kerl. Groß, blond, gutaussehend.“ „Ah ja, du verarschst mich.“ „Nein, im Ernst. Ist übrigens viel zu alt für mich“, fügte Sarah hinzu. „Der sitzt also mit mir in so einem Therapiezimmer. Plötzlich holt er eine Ratte aus der Tasche. Er tötet sie und lässt sie an Geisterfäden wie eine Marionette über den Tisch laufen.“ „Und weiter?“, bohrte Sophie nach. „Dir nehm ich mittlerweile alles ab. War die Ratte wirklich tot?“ „Ja“, bestätigte Sarah. „Ich habe ihren Geist gesehen. Danach hat der Typ mich vollgequasselt über die Schattenspieler. So nennen die Menschen sich, die die Gabe haben, Tote zu lenken. Er meint, ich wäre eine von ihnen. Es gibt sie wohl schon ewig. Sie halten sich versteckt. Kann man bei dem Hobby ja auch verstehen. Da gruselt es ja sogar mich und ich steh auf den Tod.“ „Ach, er lässt eine Zombieratte auferstehen und schon findest du ihn gruselig? Ist das nicht ein bisschen spießig?“, bemerkte Sophie spöttisch. Sarah lachte. „Na ja, das eigentlich Beängstigende war nicht einmal die Tatsache, dass die tote Ratte über den Tisch gelaufen ist, sondern diese Energie, mit der er sie gelenkt hat. Die fühlte sich falsch an; oder vielleicht fremd? Ich weiß nicht so genau.“ „Hmmm, und wie geht es bei dir weiter?“ „Heute Nachmittag bekomme ich meine erste Lektion, wie ich selbst süße, kleine Rattenzombies erschaffen kann.“ „Klingt wie ein Traumjob. Ist er wenigstens gut bezahlt?“ „Das meiste gibt man dafür aus, dass einen die Leute nicht jagen und ans Kreuz nageln, glaube ich. Die Toten müssen nämlich wirklich ganz, ganz frisch sein, sonst klappt der Trick nicht.“ Mit Grabesstimme und bedeutungsvollem Gesicht fügte sie hinzu: „Das Blut darf noch nicht geronnen sein.“ „Ups, ja, da könnte es Probleme mit dem örtlichen Tierschutzverein geben. Andererseits wärst du der Star auf jedem Schlachthof, wenn die toten Rinder von selbst zur Wurstmaschine laufen.“ Sarah war nicht nach Lachen zumute. „Der Typ meinte, dass der Trick darin besteht, dass das Herz weiter pumpt und die Lungen den Körper mit Luft versorgen. Dann kann man eine Leiche für viele Stunden oder sogar Tage rumlaufen lassen.“ „Eine willenlose Marionette in der Hand des Puppenspielers?“ „Genau. Das hat nichts mit Geistern zu tun. In mir geht etwas voll auf die Barrikaden.“ „Schau es dir an“, riet Sophie. „Wenn du es lernst und es fühlt sich okay an, gut. Wenn nicht, gibst du deinem Prinzen den Laufpass.“ Sarah dachte kurz nach. „So mache ich es. Danke.“ „Keine Ursache“, gab Sophie zurück. Sie schaute auf die Uhr. „Wir müssen los.“ Die Mädchen standen auf und schlenderten zum Essen. Viel bekamen sie nicht herunter. Die erste Hälfte des Tages lag beiden schwer im Magen. „Hallo Sarah.“ Stefan saß wieder in dem weißen Raum, in dem sie sich am Vormittag getroffen hatten. „Hallo.“ Sarah zog sich den Stuhl heran und setzte sich. „Na, wie hat dir unsere Lektion heute Morgen gefallen?“ „Ich weiß nicht. Es war seltsam.“ Stefan lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was war seltsam?“ „Wie Sie die Ratte haben laufen lassen. Wie eine Marionette.“ „Bitte Sarah, sag Stefan zu mir. Wir Schattenspieler sind alle Teil einer Gemeinschaft. Wie eine Familie. Und ja, zuerst kann es einem beim Einsatz unserer Gabe ein bisschen mulmig werden.“ „Ich muss mich wohl erst daran gewöhnen. Diese Kraft, die Sie…, die du benutzt hast, die war mir unheimlich.“ Stefans Augen verengten sich kaum merklich. Eine Falte erschien auf seiner Stirn. Sarah war sich sicher, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Vielleicht sogar etwas fatal Falsches. Rasch fuhr sie fort: „Ich denke, ich muss diese Kraft erst noch in mir entdecken. Dafür sind wir doch hier, richtig?“ Stefan entspannte sich ein wenig. „Ja Sarah, dazu sind wir hier.“ Er lehnte sich vor und kam dem Mädchen dabei so nahe, dass es unwillkürlich ein Stück zurückwich. Der Mann schien es nicht zu bemerken. „Was du hier lernst, ist unglaublich wichtig für dich. Du musst Kontrolle über deine Gabe bekommen. Wenn du das nicht schaffst...“ Stefan ließ das Ende des Satzes in der Luft hängen. „Du wärst nicht die Erste, die daran scheitert, ihre Kräfte in Schach zu halten und... stirbt.“ Er lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück. „Ich will dir keine Angst machen, aber ich bin viel mehr als nur ein Freund und Teil deiner neuen Familie. Ich bin dein Retter. Dein Retter vor dir selbst. Du musst mir bedingungslos vertrauen. Nur dann findest du die Gabe in dir. Nur dann lernst du, sie zu beherrschen.“ Stefan lächelte schmeichlerisch. Seine Hände umfassten die Tischkante. Sarah erschienen die Finger wie Krallen eines Katers, der angespannt auf sein Opfer lauert. Würde es versuchen zu fliehen? Ein Anflug von Furcht überkam sie. Schnell unterdrückte sie das Gefühl, bevor es sich auf ihrem Gesicht zeigte. Sie glaubte nicht daran, dass ihre Gabe eine Gefahr für sie darstellte. Vielmehr stellten sich ihre Nackenhaare auf, wenn sie den Mann ansah. Von ihm ging die Bedrohung aus, das spürte sie deutlich. Am einfachsten war wohl, zunächst sein Spiel mitzuspielen. „Okay, dann zeig mir, wie das geht.“ Stefan sah zufrieden aus. „Mit Hilfe einer Hypnose führe ich dich tief in dein Inneres. Dort wirst du eine Art Kammer finden. Ich kann es schwer beschreiben. Du erkennst sie, wenn du sie siehst.“ Stefan sog bedeutungsvoll die Luft ein. „Im zweiten Schritt öffnen wir diesen Raum. In ihm wartet die Kraft auf dich. Ich werde dir beibringen, sie zu kontrollieren. Damit ist deine Ausbildung hier zu Ende. Wir setzen später das Training an einem anderen Ort fort. Ich bleibe dein Mentor und versuche, so oft wie möglich bei dir zu sein.“ Sarah überlegte. So einfach würde sie Stefan also nicht loswerden. Aber je eher sie mit den Übungen fertig war, desto schneller konnte sie von hier verschwinden. Laut sagte sie: „Wie funktioniert das mit der Hypnose?“ Sie versuchte, einen wissbegierigen Eindruck zu machen. Stefan lächelte. „Du bist neugierig. Sehr gut.“ Die gönnerhafte Stimme drehte Sarah den Magen um. Ihr Therapeut fuhr fort: „Früher hätten wir viele Wochen lang geübt, bis du genug Vertrauen gefasst hast, um dich ganz und gar fallen zu lassen. Heute gibt es zum Glück dies hier.“ Mit einem Griff in seine Aktentasche zog er ein silbernes Pillendöschen hervor. Er öffnete es und nahm eine Kapsel heraus, die er vor Sarah auf den Tisch legte. „Das ist eine Droge, die dich direkt in deinen eigenen Kopf schleudert. Es ist so etwas wie die Instant-Suppe der tiefsten Hypnose. Einwerfen, sich lösen und genießen. Du wirst meine Stimme weiterhin hören. Ich führe dich auf deiner Reise. Damit sollte uns in ein paar Tagen gelingen, wozu du früher einmal Jahre gebraucht hättest.“ Das Mädchen sah unbehaglich auf die Pille. „Vertrauen, Sarah.“ Stefan sah sie mit blauen Augen an. „Glaub an uns, sonst kommen wir nicht weiter.“ Alles in Sarah schrie danach, den Raum auf der Stelle zu verlassen und so viel Abstand, wie möglich zwischen sich und diesen Mann zu bringen. Andererseits hatte sie ihr Leben lang nach Antworten gesucht. Warum, verdammt noch mal, mussten sie jetzt in Form von diesem Stefan kommen?!